Vom Entwickler zum Berater und glücklich dabei

September 29, 2011 at 7:11 pm 8 comments


Anfang September auf der SoCraTes-Konferenz stellte sich ein Teilnehmer mit diesem Satz vor:

“I love to code, but I have to coach.”

Viele Anwesende stimmten durch Gemurmel oder eindeutige Gesichtsausdrücke zu. Es findet sich hier ein durchaus gängiges Muster. Ein sehr guter Entwickler wird zum Coach, weil nur so höhere Gehälter zu erzielen sind. Und so landen Entwickler in Coaching-Jobs, die sie eigentlich nicht wollen.

Ich selbst habe mich auch immer – zumindest zum Teil – dazu gezählt. Ich hatte aber auch immer Spaß beim Coachen und Trainieren. Vor ein paar Jahren habe ich versucht, das für mich klar zu kriegen und dafür eine Vision für mich geschrieben. Hier einige Auszüge daraus:

Ich möchte mich in meinem beruflichen Leben kontinuierlich weiterentwickeln und wünsche mir Anerkennung meiner Arbeit und meiner Person. Dazu möchte ich in motivierten agilen Teams anspruchsvolle Software-Produkte entwickeln. Dabei spielt für mich ein großer Gestaltungsspielraum eine ebenso wichtige Rolle wie der enge Kontakt mit den Kunden/Anwendern. Meiner Meinung nach können nur im engen Kontakt zu Kunden/Anwendern Lösungen entstehen, die die Bedürfnisse der Kunden/Anwender befriedigen.

Das in den Projekten Erlernte möchte ich reflektieren und vergegenständlichen, als wichtige Elemente meiner Weiterentwicklung. Für das Vergegenständlichen funktioniert das Schreiben von Artikeln und Büchern sowie das Halten von Vorträge und Schulungen gut für mich.

Wie man sieht, stand das Programmieren im Zentrum. Alles, was sich um Coaching und Training drehte, war ein Anhängsel oder gar nicht erkennbar. Als ich die Vision aufgeschrieben habe, ist mir natürlich aufgefallen, dass diese Vision nicht wirklich zu meinem Job als Coach passte. Aber irgendwie fühlte ich mich mit dem Coaching-Job dann auch nicht so unglücklich. Tatsächlich war es sogar so, dass ich für Coachings und Trainings viel mehr Anerkennung erhalten habe als jemals zuvor für Programmierung.

Der oben zitierte Ausspruch auf der SoCraTes-Konferenz hat mich erneut an meine Vision erinnert und mein zwiegespaltenes Verhältnis zum Coaching. Ich habe das zum Anlass genommen, nochmal über meine persönliche Vision zu reflektieren. Dabei ist mir klar geworden, dass die Anerkennung nur eines meiner Bedürfnisse ist. Das andere Bedürfnis schien bereits in der originalen Vision durch: “Bedürfnisse von Anwendern befriedigen”. Tatsächlich geht mein Bedürfnis noch weiter: Ich möchte Fußspuren hinterlassen, etwas verändern, einen Impact haben. Das geht über die Entwicklung von Software. Aber wenn ich ehrlich bin, war das meistens nicht der Fall. Die meisten Systeme hatten keine nennenswerte Auswirkung. Das geht viel einfacher, wenn ich als Coach und Trainer arbeite! Tatsächlich glaube ich, dass ich durch meine Arbeit nicht nur Unternehmen wirtschaftliche Vorteile sondern nebenbei auch die Arbeitssituation vieler Entwickler verbessert habe.

Seit mir das klar geworden ist, fühle ich mich viel besser in meiner Rolle als Coach und Trainer. Trotzdem habe ich auch weiterhin Spaß am Programmieren. Nicht umsonst investiere ich viel Zeit in CodersDojo. Ich würde aber nicht mehr jedes Programmierprojekt machen wollen. Es sollte schon herausfordernd sein und in Clojure oder mindestens Ruby entwickelt werden. Und wahrscheinlich würde ich mich auf jeden Fall in die Product-Owner einmischen wollen. Wer so ein Projekt zu bieten hat, kann sich gerne bei mir melden. Solange mache ich meine Hobby-Projekte und bin als Coach und Trainer glücklich.

P.S.: Ich weiß von Beraterkollegen, dass sie nicht sehen, dass sie Anerkennung für ihre Coaching-Arbeit bekämen oder wirklich etwas verändern würden. So ging es mir am Anfang meiner Beratertätigkeit auch häufig. Mit der Zeit sind diese Situationen aber immer seltener geworden. Vielleicht muss man nur lange genug durchhalten, bis man die nötige Erfahrung hat :-)

 

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Single Piece Flow in Scrum Teams Scrum, Kanban and Naked Planning

8 Comments Add your own

  • 1. Bernd Schiffer  |  September 29, 2011 at 7:38 pm

    Kenne das Problem. Als ich immer öfter im Coaching-Kontext statt im Programmierer-Kontext unterwegs war, hat sich das Dilemma durch Zeitmangel offenbart. Ich schaffte es nicht, auf beiden Hochzeiten mit gleicher Qualität gleichzeitig zu tanzen. Je mehr ich mich mit Coaching beschäftige, desto schlechter werde ich beim Programmieren.

    Die Lösung war eine Priorisierung. Coaching ist, wo ich mehr Energie herausziehe, weil Coaching näher am Menschen ist und die Auswirkungen den von Software um ein Vielfaches übertreffen. Das finde ich ansprechender als zu programmieren, daher priorisiere ich Coaching über Programmieren.

    Durch die Priorisierung beschäftigte ich mich hauptsächlich mit Coaching, und wenn dann noch Zeit blieb, mit Programmieren. Letztlich blieb keine Zeit mehr fürs Programmieren, sondern nur noch fürs Coaching.

    Das bereue ich nicht. Was ich an Programmierskills verlor, das erwarb ich an Coachingskills. Meine restlichen Programmierskills helfen mir heute, besseren Bezug zu Entwicklern zu bekommen, auch wenn ich selbst nicht mehr entwickle.

    Es war schön für mich, Entwickler zu sein. Es ist schöner für mich, Coach zu sein. Ich bin glücklich, Coach zu sein, und froh, dass für mich herausgefunden zu haben. Ich wünsche jedem, dass er für sich herausfindet, was ihn glücklich macht.

    Danke, Stefan, für diesen schönen Post. Freut mich, dass Du glücklich bist :)

  • 2. Johannes Link  |  September 30, 2011 at 7:36 am

    Stefan,

    Schön, dass du das Thema aufgegriffen hast!

    Meine persönliche Erfahrung, was die Erfolgserlebnisse angeht, ist jedoch genau andersrum. Als ich vor fast 10 Jahren mit XP Coaching begann, fand ich das sehr befriedigend und hatte das Gefühl, den Menschen und Teams tatsächlich zu helfen. Je mehr sich meine Beratung/Coaching dann in Richtung “generisches Agile”, Scrum und Organisationsberatung entwickelt hat, desto unzufriedener wurde ich und desto weniger sinnvolle Entwicklung konnte ich bei meinem Kunden erkennen. Mir stellt sich die Frage, ob das v.a. veränderte Wahrnehmung oder Fakt ist.
    Mein persönliches Fazit: Ich glaube ich war ein sehr guter XP-Coach für Teams, die XP machen wollten. Die Herausforderungen verändern sich jedoch, wenn es in Richtung Organisationsberatung und Top-Down-Einführung agiler Ansätze geht. Mir fehlt dort die Sinnerfahrung und damit die Leidenschaft. Die Herausforderungen in diesem Umfeld reizen mich nicht. Hoffentlich liest das keiner meiner zukünftigen Kunden ;-/

    Und ja, es gibt das Dilemma, dass techniknahe Tätigkeiten schlechter vergütet werden. Ein echtes Problem, denn am Ende sind wir alle Geldjunkies – die einen mehr, die anderen weniger. Ich mache jetzt erstmal Beratungspause – leider verbunden mit der großen Unsicherheit, ob ich das auf Dauer finanziell durchstehen kann.

    Johannes

  • 3. Stefan Lieser  |  September 30, 2011 at 7:55 am

    Schöner Text! Und schön, dass du glücklich bist! Voraussetzung für’s Glücklichsein scheint mir zu wissen, was meine Bedürfnisse sind. Darüber hast du reflektiert, toll.

    Ich bin ein wenig unsicher, wie weit wir Coaches uns von der Entwicklertätigkeit entfernen können, ohne an Qualität zu verlieren. Anfangs geht es in der Tat darum, Erfahrungen als Coach zu sammeln, da sind die Erfahrungen als Entwickler noch frisch, alles ist gut. Aber bin ich noch ein guter Coach für Entwickler, wenn ich selbst nicht mehr entwickle? Ich suche jedenfalls immer mal wieder auch ein Entwicklerprojekt, um “im Saft zu stehen”.

  • 4. stefanroock  |  September 30, 2011 at 8:28 am

    @Stefan Lieser: In wieweit man noch in der Entwicklung stecken muss, hängt extrem von dem ab, was man coacht. Wenn ich mit einem Top-Manager darüber spreche, wie Scrum in sein Unternehmen eingeführt werden kann, muss ich nicht entwickeln können. Das ist genauso, wenn es darum geht, ein Team bei der Anwendung von Scrum zu unterstützen. Es gibt prominente Scrum-Coaches, die beides sehr gut machen und nie programmiert haben.
    Wenn ich bzgl. Architektur, Entwurf und Programmierung coachen will, darf ich mich natürlich nicht zuweit von der Entwicklung entfernen. Aber letztlich gilt auch da, dass ich nicht alles wissen muss. Ich muss in der Lage sein, den Kunden zu helfen, die für sie passenden Antworten zu finden.
    Das alles schreibe ich vor dem Hintergrund dessen, was ich coache. Und gehört Techno-Beratung a la “Wie schreibe ich eine Hibernate-Query performant?” eben nicht dazu.

  • 5. jens_coldewey (@jens_coldewey)  |  September 30, 2011 at 8:31 am

    Danke für den anregenden Blog, Stefan! Für mich haben die beiden Arbeiten sehr unterschiedliche Qualitäten: Als Entwickler bin ich normalerweise Teil eines Teams, und trage dazu bei, etwas kreatives zu erschaffen. Das waren für mich die beiden Hauptquellen der (beruflichen ;-) Befriedigung.
    Als Coach bin ich in der Regel auf mich selbst gestellt und versuche anderen zu helfen, mehr Spaß an und mehr Erfilg in ihrem Job zu haben. Und selbst ein Beratungsteam ist eher eine Koordinierte Einzelleistung denn ein echtes Teamwork. Der Einzelkampf steht bei mir auf der Soll-Seite, das Helfen mit der oft viel größeren Hebelwirkung auf der Habenseite.
    Ich kann übrigens anders als Du oder Johannes keine eindeutige Korrelation zwischen Erfahrung und gefühlter Erfolgsquote. Der Grund liegt (hoffentlich) weniger daran, dass ich nicht dazulernte, sondern dass die Aufgaben eben immer komplexer werden.

  • 6. Bernd Schiffer  |  September 30, 2011 at 8:44 am

    @Stefan Lieser: Sehe nicht, warum ein guter Trainer auch (immer noch) ein guter Spieler sein muss. Als Trainer verhelfe ich den Spielern zu Höchstleistungen. Das tue ich von außerhalb des Spielfeldes als Trainer, nicht mitten im Spiel als Kapitän.

    Wenn Du hier mehr den Coach als Kapitän siehst, dann stimme ich Dir zu. Hatte Stefan Roock aber so verstanden, dass er den Coach als Trainer meint, und da stimme ich Dir nicht zu.

  • 7. Andreas Havenstein  |  October 4, 2011 at 1:22 pm

    Wollte einen Kommentar dazu schreiben, wurde dann aber so lang, dass ich mich entschieden habe, einen eigenen Blogeintrag dazu zu schreiben:

    http://andreashavenstein.blogspot.com/2011/10/i-love-to.html

  • 8. stefanroock  |  October 4, 2011 at 4:45 pm

    Andreas Havenstein hat in seinem Blog auch zu dem Thema geschrieben: http://andreashavenstein.blogspot.com/2011/10/i-love-to.html

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