Wann auf TDD verzichten?

November 20, 2008 at 11:40 am Leave a comment


Gibt es eigentlich Situationen, in denen man nicht testgetrieben arbeiten sollte? Mir fallen drei Stück ein.

  1. Ich exploriere, ob und wie etwas funktioniert (z.B. eine neue Technologie).
  2. Es gibt ein definitives Datum in der nahen Zukunft, ab dem das System nicht mehr weiterentwickelt und irgendwann stillgelegt wird.
  3. Wir haben eine Startup-Situation, in der wir eine Idee sehr schnell am Markt testen wollen.

Zu Punkt 1: Exploration
Charakteristisch ist, dass der Code ständig massiv umgebaut wird. Jedesmal Tests anpassen zu müssen, kann sehr aufwändig sein. Mitunter ist man schneller, wenn man dann ganz auf das Testen verzichtet. Man muss dann eben auch nur den Mumm haben, nach der Exploration den ganzen ungetesteten Code wegzuwerfen und vernünftig neu zu schreiben.
Natürlich gibt es bei der Exploration auch Situationen, in denen Tests helfen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn man ein neues API ausprobiert. Dann ist der Unit- oder FIT-Test häufig ein angenehm leichtgewichtiger Client für den Test.

Zu Punkt 2: Stilllegung
Wenn das System nicht mehr weiterentwickelt wird, gibt es auch keinen Grund, Aufwand in die Renovierung des Legacy-Codes zu stecken. Allerdings muss man sich auch sicher sein, dass die Stilllegung auch kommt. Viel zu häufig wird es nicht präziser als “das System läuft bestimmt nicht mehr so lange”. Was von solchen Prognosen zu halten ist, wissen wir spätestens nach dem Jahr-2000-Problem: Die ursprünglichen Entwickler der Systeme haben auch gedacht, dass ihre Systeme bestimmt nicht so lange laufen. Man muss sich also wirklich, wirklich sicher sein!

Zu Punkt 3: Startup
Bei Startups ist charakteristisch, dass ein schneller Markteintritt essenziell ist. Wenn es gut läuft, verdient man nach dem Markteintritt soviel Geld, dass man davon das System neu und vernünftig getestet nochmal schreiben kann. Wenn man also schneller an dem Markt kommt, wenn man die Tests weglässt, ist das ein valides Argument, auf TDD zu verzichten.
Natürlich gibt es irgendwann eine kritische Masse, ab der man bei der Entwicklung mit Tests schneller ist als ohne. Aber wo liegt diese Grenze? Ich hätte sie aus dem Bauch heraus bei 20-50 Personentagen Programmieraufwand verortet.
Also prüfen wir mal diese Hypothese. Ich habe Clipboard2Web vor diesem Hintergrund ohne Tests programmiert. Und bis zum ersten Release hat sich das nach meiner Einschätzung auch gelohnt. Jetzt ist aber der Zeitpunkt gekommen, ab dem ich mit TDD schneller vorankomme. Wieviel Aufwand habe ich bis zu diesem Punkt investiert? 12 Personenstunden! Ergo: Vergesst das mit dem Weglassen der Tests in Startup-Situationen. Es lohnt sich nicht.

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