Gute und schlechte Vorträge: Alles eine Frage der Geschichten?

November 15, 2009 at 12:55 pm 17 comments


Ich glaube, dass ich inzwischen ein ganz gutes Gefühl dafür habe, wie gut meine Vorträge beim Publikum ankommen. Bei meinen schlechten Vorträgen bekomme ich während des Vortrags aus dem Publikum nichts zurück: kein Lachen, kein Murren, keine ungläubigen Gesichter.

Meine Selbsteinschätzung deckt sich meist mit dem Feedback, das die Konferenzorganisatoren einsammeln.

Lange Zeit war mir unklar, warum einige meiner Vorträge gut beim Publikum ankommen und andere nicht. Ich hatte bereits beoachtet, dass schlecht vorbereitete Vorträge besser ankommen als gut vorbereitete. Das fand ich schon immer sehr merkwürdig. Reicht es tatsächlich aus, schlecht vorbereitet zum Vortrag zu kommen und alles wird gut? Und warum zum Geier ist das so?

Inzwischen habe ich ein Erklärungsmodell gefunden, dass mir plausibel erscheint: Über Twitter hatte jemand seine Beobachtung auf einer Konferenz geschildert, dass die guten Vorträge immer mit einer Geschichte beginnen und daraus eine Einsicht ableiten.

Das passt sehr schön damit zusammen, dass der Fantasy-Autor Terry Pratchett immer wieder betont, wie wichtig Geschichten für uns Menschen sind. Er spricht vom Homo Narrativus. Geschichten transportieren Emotionen und die sind wichtig, damit wir interessiert sind.

Bleibt noch die Frage, wie das mit der schlechten Vortragsvorbereitung zusammenpasst. Ich glaube, das funktioniert so: Es ist ja nicht so, dass ich vollkommen ohne Vorbereitung zum Vortrag gehe. Ich habe nur entweder “zu spät” mit der Vortragsvorbereitung begonnen oder kurz vor dem Vortrag nochmal das Gesamtkonzept umgeworfen. Ich habe also die Tage bzw. Nächte vor dem Vortrag an dem Vortrag gearbeitet. Gefühlt war die Zeit aber zu kurz und das zeigt sich an niedrig aufgelösten Bildern, Rechtschreibfehlern auf den Folien und allgemeinen Layout-Unschönheiten. Darüber scheinen die Teilnehmer aber gerne hinwegzusehen.

Dafür erscheine ich zum Vortrag emotional: Ich bin schlecht vorbereitet und habe schlechte Folien dabei und das weiß ich auch. Das sind keine positiven Emotionen, aber immerhin sind es Emotionen. Sie führen dazu, dass ich den Vortrag meistens emotionaler halte und nicht einfach kühl Fakten runterrattere.

Außerdem bin ich mit diesem Verfahren “voll im Thema”, wenn ich mit dem Vortrag beginne. Gut vorbereitete Vorträge habe ich schon Wochen vor dem Vortragstermin fertig. Wenn ich den Vortrag dann halte, kann ich mich bei einigen Folien nicht mehr erinnern, was genau ich mir dabei gedacht habe und bin auch zu den Folien distanziert.

Ich nehme also zwei Dinge für mich ganz persönlich mit (keine Ahnung, ob sie auch für andere funktionieren):

  1. Beginne mit einer Geschichte und leite daraus Einsichten ab.
  2. Bereite den Vortrag so spät vor, dass er gerade noch fertig wird. Gehe lieber das Risiko ein, mit schlechten Unterlagen zum Vortrag zu erscheinen als mit einem Vortrag, der schon Wochen vor dem Termin fertig war.

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17 Comments Add your own

  • 1. Henning Wolf  |  November 15, 2009 at 3:47 pm

    Wenn der Kern guter Vorträge Geschichten und Emptionen sind, dann dürfte es doch auch möglich sein, dies für gut vorbereitete Vorträge zu nutzen.

  • 2. Markus Gärtner  |  November 15, 2009 at 4:45 pm

    Der erste Punkt geht auf die Assoziativität des Gehirns ein. Durch Geschichten entstehen Bilder, die das menschliche Gehirn mit den Fakten verknüpft. Durch ein Zusammenspiel der logischen Hälfte des Gehirns und der kreativen Hälfte wird durch die Geschichten selbst eine starke Verbindung für das Langzeitgedächtnis geschaffen.

    Ich denke, der zweite Punkt hat etwas mit der Präsenzzeit des menschlichen Gehirns zu tun. Das ist auch der Grund, warum mir Code von vor 5 Monaten fremd vorkommt.

  • 3. stefanroock  |  November 15, 2009 at 6:35 pm

    Wenn man den Kommentar von Markus Gärtner liest: womöglich nicht.

  • 4. Bernd Schiffer  |  November 15, 2009 at 11:26 pm

    Geschichten erzählen als Erfolgsfaktor für gute Vorträge: +1.

    Du setzt die Vorbereitung eines Vortrags mit dem Erstellen der Folien gleich. Sehe ich nicht so. Der Vortrag ist Deine Geschichte. Die Folien sind zwar synchron zu Deiner Geschichte und unterstützen Dich beim Erzählen, sind aber nicht der Vortrag oder die Geschichte selbst.

    Wenn Du Folien lange vor Deinem Termin fertig hast, dann hast Du bis dahin im Kopf die Geschichte oder die Art, wie Du sie erzählen willst, schon zig mal umgestellt und verfeinert. An die ursprüngliche Geschichte kannst Du Dich kaum noch oder gar nicht mehr erinnern. Die lange vorher erstellten Folien sind nicht mehr synchron mit Deiner jetzigen Geschichte und unterstützen Dich schließlich nicht mehr, sondern sie behindern Dich. Das merken auch die Zuschauer.

    Eine Alternative zur Just-in-time-Folienerstellen wäre das Aufschreiben der Geschichte zum Zeitpunkt der Folienerstellung. Kurz bevor Du dann den Vortrag hältst, liest Du Dir die Geschichte durch und bist wieder im Bilde. _Aber_: Du müsstest zwischen dem Zeitpunkt des Aufschreibens und Folienerstellens und dem Zeitpunkt des Vortraghaltens nicht mehr bewusst oder unterbewusst an der Geschichte feilen. Aus meiner Sicht ist das schwer, kommt einem Denkverbot nahe. Diese Alternative funktioniert für mich nicht.

    Die andere Alternative wäre, keine Folien zu erstellen oder nur ein paar sehr wenige, die Du unmittelbar vor dem Termin anfertigen kannst, also 2 bis 5 etwa. Die könntest Du sauber (= keine Rechtschreibfehler, gute Grafiken/Bilder usw.) hinbekommen. Das wäre, glaube ich, die weitaus bessere Alternative, als mit unsynchronisierten (weil alten) Folien oder mit unzureichenden (weil gehetzten) Folien anzutreten.

  • […] This post was mentioned on Twitter by Dierk König, Stefan Roock. Stefan Roock said: Erklärungsmodell gefunden, warum schlecht vorbereitete Vorträge besser ankommen: http://bit.ly/1h051q […]

  • 6. Holger Koschek  |  November 16, 2009 at 7:29 am

    Ein Vortrag, bei dem Du voll im Thema bist, kann gar nicht schlecht vorbereitet sein. Die Folien sind ohnehin nur eine Visualisierung des roten Fadens. Das gilt insbesondere bei solchen Vorträgen, die eine starke Geschichte erzählen. Du denkst, dass der Zuhörer in diesem Fall die (vermeintlich) schlecht produzierten Folien verzeiht. Ich denke, dass er sie gar nicht als “schlechte” Folie wahrnimmt, da sie für ihn “nur” visuelle Anker für die Geschichte darstellen. Dabei kommt es vor allem auf das Bild an, das diese Folie im Kopf erzeugt, und weniger auf die Produktionsqualität des dargestellten Bildes.
    Ich habe bei meinem letzten Vortrag noch eine andere interessante Erfahrung gemacht. Wir (mein Koreferent und ich) mussten den Vortrag kürzen, um noch rechtzeitig den Flieger in die Heimat zu erreichen. Das hat der Qualität des Vortrags keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil: Wir haben uns darauf konzentriert, die wesentlichen Inhalte des Vortrags noch stärker zu betonen und dafür das “Beiwerk” zu straffen. Damit war der Fokus für die Zuhörer noch deutlicher erkennbar.

  • 7. stefanroock  |  November 16, 2009 at 7:46 pm

    Hallo Bernd,
    Du hast Recht. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum meine CSM-Kurse funktionieren. Da arbeite ich nicht bis kurz vor der Schulung dran. Ich habe aber gar keine Folien, sondern der Kurs entwickelt sich, während ich ihn gebe. Kernelemente sind natürlich immer gleich, andere sind aber immer unterschiedlich.

  • 8. Stefan Roock  |  November 17, 2009 at 7:00 pm

    Bernd schrieb:
    >Die andere Alternative wäre, keine Folien zu erstellen oder nur ein
    >paar sehr wenige, die Du unmittelbar vor dem Termin anfertigen
    >kannst, also 2 bis 5 etwa.
    Vielleicht kann da der Ansatz von Prezi nützlich sein, wenn man auf vorgefertigte Präsentationspfade verzichtet und während der Vortrags so zoomt, wie es situativ passt.

  • 9. Bernd Schiffer  |  November 18, 2009 at 10:26 am

    Das Tool finde ich da weniger entscheidend. Ich persönlich wäre da mit einem Flipchart zufriedener als mit Elektronik.

  • 10. Horst Franzke  |  November 18, 2009 at 12:36 pm

    Bei dem Blog-Titel und weiter bei der Erklärung (Teil 1) musste ich sofort an den Vortrag von Andy Goodman denken, der 2008 einmal als Podcast bei mir gelandet ist. Und danach ist mir tatsächlich aufgefallen: an (Vortrags-) Geschichten mit “angehängten” Fakten kann ich mich sehr gut erinnern. Ich finde auch Goodman’s Technik, wie er in seinem Vortrag Fragen einsetzt interessant: er bezieht die Zuhörer mit in seinen Vortrag ein und testet gleichzeitig ihre Aufmerksamkeit.
    Meine Interpretation von Erklärung 2 wäre eher, dass man sich bei knapper Zeit einfach auf das wesentliche konzentriert.

  • 11. stefanroock  |  November 20, 2009 at 8:03 am

    >Das Tool finde ich da weniger entscheidend. Ich persönlich
    > wäre da mit einem Flipchart zufriedener als mit Elektronik.
    Ich auch. Bei großer Zuhörermenge haut das aber nicht mehr so gut hin. Und das mit einem Pen auf Tablet-PC zu machen scheint mir die Nachteile beider Ansätze zu verbinden.

  • 12. Bernd Schiffer  |  November 20, 2009 at 7:11 pm

    > Bei großer Zuhörermenge haut das aber nicht mehr so gut hin.

    Kamera auf Flipchart/Whiteboard? Geht auch bei mehreren: http://www.youtube.com/watch?v=IyNPeTn8fpo

  • 13. stefanroock  |  November 23, 2009 at 10:13 am

    >Kamera auf Flipchart/Whiteboard? Geht auch bei mehreren:
    >http://www.youtube.com/watch?v=IyNPeTn8fpo
    Wieviele Leute sind denn da anwesend? Wird da eine Kamera verwendet, deren Bild auf einem Beamer zu sehen ist? Konnte ich nicht entdecken.

  • 14. Bernd Schiffer  |  November 24, 2009 at 9:46 am

    > Wieviele Leute sind denn da anwesend?

    Nichts genaues weiß ich nicht. Mehrere Reihen, mehrere Spalten, mal pi, mal Daumen, öhm, 100?

    > Wird da eine Kamera verwendet, deren Bild auf einem Beamer
    > zu sehen ist? Konnte ich nicht entdecken.

    Naja, es wird eine Kamera verwendet, deren Bild Du in Youtube angucken kannst, und auf dem Bild sieht man sein Geskribbel doch sehr deutlich. Und jetzt stell Dir das Video auf deinem Beamer vor. Ich denke schon, dass man das erkennen kann.

  • 15. stefanroock  |  November 24, 2009 at 9:49 am

    >> Wieviele Leute sind denn da anwesend?
    >Nichts genaues weiß ich nicht. Mehrere Reihen, mehrere >Spalten, mal pi, mal Daumen, öhm, 100?
    Mehrere * Mehrere = 100

    Das merke ich mir🙂

    >> Wird da eine Kamera verwendet, deren Bild auf
    >> einem Beamer zu sehen ist?
    >> Konnte ich nicht entdecken.
    >Naja, es wird eine Kamera verwendet, deren Bild Du in
    >Youtube angucken kannst, und auf dem Bild sieht man sein
    >Geskribbel doch sehr deutlich. Und jetzt stell Dir das Video auf
    >deinem Beamer vor. Ich denke schon, dass man das erkennen
    >kann.
    Ja, kann ich mir auch vorstellen. Ich hatte nur die Phantasie, dass die das da genau so gemacht hätten. Aber jetzt ist es klar.

    Das probiere ich mal aus. Vielleicht schon bei den XP-Days🙂

  • 16. Bernd Schiffer  |  November 30, 2009 at 2:08 pm

    Hast Du da jetzt eigentlich was auf den XP Days zu ausprobiert?

  • 17. stefanroock  |  November 30, 2009 at 7:35 pm

    > Hast Du da jetzt eigentlich was auf den XP Days zu ausprobiert?
    zur späten Vorbereitung: ja

    zu Flipchart und Webcam: nein

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