Festpreise, Ausschreibungen, das V-Modell und Scrum

March 21, 2010 at 10:10 am 1 comment


Vor wenigen Tagen war ich auf der ReConf und habe zusammen mit Markus Reinhold einen Vortrag darüber gehalten, wie man mit Scrum das V-Modell leichtgewichtiger gestalten kann. Fazit: Man kann und sollte das V-Modell auf diese Weise agilisieren. Es ist dann aber immer noch nicht richtig agil – das liegt vor allem an der Ausschreibung und dem Festpreis, die in der Regel mit dem V-Modell einhergehen.
Man müsste von dem Lastenheft und dem darauf basierenden Festpreis wegkommen, wenn man richtig agil werden wollte. Das ist aber mind. im Behördenumfeld nicht so einfach. Dem steht das deutsche Vergaberecht im Weg. Die Behörden müssen eine nachvollziehbare Anbieterbewertung durchführen – sonst haben sie sofort das Verwaltungsgericht bzw. die Vergabekammer im Haus. Und diese Anbieterbewertung erfolgt heute auf Basis der Festpreisangebote. Und folgerichtig darf man in diesem Kontext nur beschränkt an dem ursprünglichen Funktionsumfang herumdrehen. Sonst läuft man Gefahr, die Basis für den Anbietervergleich zu invalidieren. “Money for Nothing, Change for Free” nützt da also auch nur bedingt etwas.

Also blieb da erstmal eine etwas resignierte Stimmung. Aber sollte das wirklich der Fall sein, dass es an dieser Stelle keinen Fortschritt geben kann? Wohl kaum. Nach etwas Nachdenken kam ich auf ein Function-Point-basiertes Modell. Der Auftraggeber würde einfach eine Produktvision mit High-Level-Backlog zur Verfügung stellen, damit der Anbieter weiß, wo es im Prinzip hingeht. Weiterhin würde der Auftraggeber die Anforderungen für den ersten Sprint fein granular beschreiben. Der Auftragnehmer würde die Anforderungen des ersten Sprints in Function-Points schätzen und ein Angebot auf Basis Euro/Function-Point abgeben. Auf diesen Preis würde er sich für einen gegebenen Zeitraum (z.B. 2 Jahre) verpflichten.

Damit hätte der Auftraggeber seine Basis für den Anbietervergleich, ohne dass man ein komplettes fein-granulares Lastenheft vorher braucht. Und zu allem Überfluss würde diese Art der Ausschreibung Ärger vermeiden, der heute durchaus an der Tagesordnung ist: jemand kauft sich das Projekt über einen Dumpingpreis und refinanziert es dann über überteuerte Change-Requests.

Ganz berauscht von meiner Idee habe ich mich etwas umgehört und konnte es kaum glauben: So innovativ ist meine Idee gar nicht. In den Behörden gibt es solche Überlegungen schon länger. Und anscheinend, ist das auch alles kompatibel mit dem deutschen Vergaberecht. Es findet sich nur auf Behördenseite kein Projektleiter, der bereit wäre, seine Ausschreibung so zu gestalten. Das finde ich aus agiler Sicht total schade und es hört sich so an, als würde hier eine Chance verschenkt, effektiver mit unseren Steuergeldern umzugehen.

Entry filed under: it-agile-blog-planet. Tags: , .

Scrum vs. Kanban: Ziel und Weg Lernen im 1. Quartal 2010

1 Comment Add your own

  • 1. Rainer Midderhoff  |  March 21, 2010 at 10:51 am

    Hi,

    vor einiger Zeit war ich zu gast bei einem innovativen Softwarehaus und wir landeten nach kurzer Zeit beim gleichen Thema: Festpris und Agilität.

    Interessant fand ich die Haltung des Managers: Wenn wir ein festpreisprojekt annehmen, versuchen wir das Projekt intern nach der besten uns bekannten Methode abzuwickeln – und wir sind der Überzeugung, dass eine Abwicklung mit XP (in diesem Fall) schneller und günstiger bei höherer Qualität gelingt.

    Sein Fazit: Der Werkvertrag setzt den Rahmen mit allen juristischen und monetären Bedingungen – aber warum in diesen Grenzen nicht das beste Vorgehen wählen ?

    Fand ich sehr interessant …

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed



%d bloggers like this: